Komm mal bitte zu mir!

by zebulini

Er hatte die Türe zu seinem Büro geschlossen. Das Gespräch, das er gleich führen musste, war er für sich alleine immer und immer wieder gedanklich durchgegangen. Klaus legte die Hand auf den Telefonhörer und ließ seinen Blick erneut durch den Raum gleiten. Er gab sich einen Ruck, nahm die Hörmuschel an sein Ohr und wählte Emilies Nummer. Nach dem zweiten Klingeln meldete Sie sich mit Ihrem Nachnamen und Klaus hörte sich selbst sagen “Kannst Du mal bitte zu mir kommen? Jetzt gleich.“

Er wartete und schob die hoffnungsvollen Überlegungen zur Seite, warum Emilie doch nicht auftauchen würde. Ein kurzes Klopfen an der Tür. Ohne auf Antwort zu warten betrat sie das Büro. Emilie lächelte zaghaft bei der Begrüßung und Klaus erkannte ihre Unsicherheit, vielleicht ihre Vorahnung.

Schon seit Wochen wurde im Unternehmen darüber gesprochen, dass die Geschäftszahlen keine gute Entwicklung nähmen. Mit der Arbeitnehmervertretung hatte es Gespräche über Personalreduzierungen gegeben, die natürlich nicht unbemerkt bleiben konnten. Erst kürzlich konnten sie zum Abschluss gebracht werden.

Die lange erwartet Information der Belegschaft erfolgte tags zuvor während einer Betriebsversammlung. Mit erstaunlicher Ruhe war die Nachricht aufgenommen worden, wohl auch, weil die Zahl derjenigen, die das Unternehmen verlassen sollten, relativ gering erschien. Dennoch gab es genug Sorge unter den Beschäftigten. Das Thema beherrschte die Gespräche an den Arbeitsplätzen, in der Kantine und in den Kaffeepausen. So mancher Mahner mutmaßte, dass dies nur der Anfang sei.

Emilie war eine schlanke, dunkelhaarige Frau mit hellen, wachen Augen. Mit ihren fünfundvierzig Jahren war sie im Vergleich zu Klaus rund zehn Jahre älter. Sie arbeiteten schon einige Jahre zusammen. Klaus mochte sie in ihrer ruhige und überlegten Art.

Nachdem sie sich gesetzt hatte, sah sie ihn verhalten und mit erwartungsvollen und festem Blick an. Es fiel Klaus schwer das Gespräch zu eröffnen.

Klaus hatte sich mit seinem Personalreferenten auf diese Situation vorbereitet. Er wusste, dass er den wahrscheinlich unangenehmsten Teil der Unterhaltung so bald wie möglich hinter sich gebracht haben musste.

Er atmete tief ein und erwiderte ihren Blick. “Emilie, sicherlich bist Du über die Entwicklung im Unternehmen informiert. Die Umsatzentwicklung bleibt weit hinter den Erwartungen zurück, unser neues Produkt wird vom Markt nicht so angenommen, wie wir es uns erhofft hatten”. Kaum wahrnehmbar nickte Emilie und schien zu erstarren, als könne sie seine nächsten Worte erraten.

Für einen Moment bedauerte Klaus, das Angebot seines Personalreferenten nicht angenommen zu haben, an diesem Gespräch teilzunehmen. Auch einen Betriebsrat zuzuziehen hatten sie erwogen.

“In allen Unternehmensbereichen suchen wir nun nach Möglichkeiten auf diese Gegebenheiten zu reagieren. Und Du weißt sicher, dass auch Personalreduzierungen angekündigt wurden”.

Für einen Moment suchte Klaus nach seinen nächsten Worten. Die dadurch verursachte Stille kam ihm ewig vor. “Auch ich muss in meinem Organisationsbereich daher Anpassungen vorbereiten und umsetzen”.

Geräuschlos atmete er tief ein. “Emilie, es tut mir leid, aber ich muss das Beschäftigungsverhältnis mit Dir zum 31. Mai diesen Jahres beenden.”

In diesem Moment erinnerte sich Klaus an die eindringlichen Worte seines Personalreferenten, nicht auf die Firmenleitung, auf “die da oben”, zu schimpfen oder sich gar mit seiner Mitarbeiterin im gemeinsamen Klagen über die Situation zu verbrüdern. Es gelang ihm, diesen Impuls zu unterdrücken, sog erneut die Luft in sich, die ihm mit einem Mal abgestanden erschien.

Der Glanz in Emilies Augen zeigte Klaus, dass sie mit den Tränen kämpfte. Dennoch überraschte ihn ihr plötzlicher Ausbruch. “Nein! Warum ich!” schrie sie fast und die Tränen liefen über ihr Gesicht. “Ich bekomme doch in meinem Alter keinen neuen Arbeitsplatz”.

Klaus spürte den Knoten in seinem Magen. Er beherrschte sich, bemühte sich, nicht sofort zu antworten und versuchte seine Gedanken zu ordnen. Aufgebracht fuhr Emilie mit ihren Worten fort, die sie in ihrer Bestürzung nicht abwägen konnte.

Es dauerte viele Minuten, bis ihre Wortflut versiegte. Ihre Augen suchten hilflos auf der blanken Schreibtischplatte nach Halt. Ihre Schultern zuckten im Takt ihres Schluchzens.

Klaus wollte das Gespräch wieder aufnehmen. “Emilie” begann er. Doch sie schüttelte nur kurz den Kopf und fragte seltsam gefasst “Wie geht es nun weiter?”.

Natürlich hatte er sich darüber Gedanken gemacht. Schon lange war ihm klar geworden, dass nach seiner Ankündigung nichts mehr so sein würde, wie es vorher war.

All die freundlichen und konstruktiven Gespräche, die sich auch um private Themen gedreht hatten, schienen nun vergessen und so weit entfernt zu sein.

“Emilie, ich denke, wir sollten das Gespräch für den Moment beenden. Ich schlage vor, dass Du für heute mit der Arbeit aufhörst. Ich habe die Bitte, dass Du morgen früh um neun Uhr zu mir kommst und wir genau darüber reden werden, was nun als nächstes passieren wird. Wenn Du willst, kannst Du auch jetzt schon mit dem Betriebsrat Deines Vertrauens sprechen. Das steht Dir natürlich frei”.

Abrupt stand Emilie auf. Ohne Klaus anzusehen sagte sie tonlos “morgen um neun Uhr werde ich mit einem Betriebsrat da sein” und verließ ohne Gruß und ohne nochmals den Blick auf ihn zu richten den Raum.

Klaus blieb in seinem Stuhl sitzen, er fühlte sich leer. Er schluckte schwer und holte seinen vorbereitenden Notizzettel für dieses Gespräch aus einer Schublade und hielt ihn einfach  nur in seiner Hand.

Morgen würde er mit Emilie besprechen, wem sie ihre Arbeiten anvertrauen solle, was dazu zu erledigen sei und bis wann die Übergabe abzuschließen sei. Er wollte sie so bald wie möglich von der Arbeit freistellen. Es widerstrebte ihm sich einzugestehen, dass ihn das Gefühl von Erleichterung beschlich.

Sein erstes Kündigungsgespräch lag hinter ihm.

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