Clemens

by zebulini

Alle nannten ihn Clemens. Selbst die Auszubildenden am ersten Tag in der Abteilung. Schlank war er, hochgewachsen, aber noch nicht schlaksig. Seine liebsten Kleidungsstücke waren Strickjacken, die er in allen nur erdenklichen Farben zu haben schien und die er anstatt einer Anzugjacke trug. Die Krawatten passten nie, was ihm entweder gleichgültig oder unklar war. Niemand sprach ihn darauf an.

Seine dünnen, wenigen Haare, deren Farbe sich irgendwo zwischen blond und grau bewegte, legte er akkurat über den unterdessen handbreiten Scheitel. Da Clemens sich niemals mit überraschenden, großen Gesten bewegte und überhaupt eine eher ruhige, zurückhaltende Person war, hielt seine Frisur immer den ganzen Arbeitstag. Manche vermuteten es läge am Haarspray.

Clemens war der Leiter des Rechnungswesens. Seine Kollegen beeindruckte er mit seinem Detailwissen zum Zahlenwerk der Firma, mehr noch mit den treffenden und nachvollziehbaren Rückschlüssen aus den sich monatlich ändernden Zahlen. Fragen von Mitarbeitern beantwortete er geduldig und mit der notwendigen Tiefe – jedenfalls wenn sie geschäftlich waren.

Freiraum für die eigene Arbeit war Clemens sehr wichtig und er gewährte ihn auch seinen Teammitgliedern. Er mischte sich selten ein, gab so gut wie nie Anweisungen, wie die Dinge zu erledigen sind oder in welcher Reihenfolge. Die Abstimmung nahm er in gelegentlichen, nicht geplanten Gesprächen vor. Ohne Lob, ohne Tadel.

Seinen Kaffee trank er schwarz, nur am Vormittag und niemals mehr als eine große Tasse. Die Türe zu seinem Büro war nur bei Personalgesprächen geschlossen. Alle schätzten an ihm seine berechenbare, fast gutmütige Art.

Dennoch waren seine Mitarbeiter nicht glücklich mit ihm. Sie sagten, der Wissensaustausch im Team sei eine Sache des Zufalls. Jeder arbeitete nur für sich alleine, gemeinsame Erledigungen gab es nicht. Und die Probleme unter den Kollegen, selbst die offensichtlichen, ginge er auch nicht an.

Da war Robert, den alle Bobby nannten. Mit seinem Wissen das Herzstück des Controllings. Er hatte die Unart, alle neuen oder übergangsweise eingesetzten Arbeitskräfte zu drangsalieren. Jede Unwissenheit zu Arbeitsabläufen oder Gepflogenheiten nahm er zum Anlass, zynisch und von oben herab den oder die Neue bloß zu stellen.

Wenn dies geschah, schaute Clemens nur vor sich hin, schluckte laut und rückte sein Krawatte zurecht. Eingeschritten ist er nie.

In der Buchhaltung, Teil des Rechnungswesens, gab es Constanze, eine von drei engen Freundinnen dort. Ihr setzte diese Situation am meisten zu. Sie litt unter den fehlenden Gesprächen in der Abteilung und vermisste die Anerkennung ihrer Arbeit. Bobby war in ihren Augen die Ursache für die gespannte Stimmung und Clemens für die fehlende Zusammenarbeit.

Dass Ihre Kollegen und auch ihre Freundinnen es nicht so dramatisch sahen, übersah sie geflissentlich. Sie war es auch, die Clemens gerne dazu ansprach, zur Zusammenarbeit, zum fehlenden Lob und zu Bobby.

Damit konfrontiert, blickte Clemens zu Boden, murmelte etwas von ‚er sähe das so nicht‘, schluckte laut und rückte seine Krawatte zurecht, während er in sein Büro ging und dann die Tür hinter sich schloss. Dass sich sein sonst so entspannter Gesichtsausdruck in diesen Momenten erschreckend verfinsterte, entging daher seinen Mitarbeitern.

Schließlich begann Constanze sich im Unternehmen nach einem anderen Arbeitsplatz umzusehen. Selbst ihre Freundinnen erfuhren nichts davon. Im Bereich der Kundenauftragsbearbeitung erhielt sie Gelegenheit ein neues Wissensgebiet mit anderen Kollegen und einem neuen Chef kennen zu lernen. Ihre Buchhaltungskenntnisse nutzten ihr dabei jedoch wenig.

Als Clemens davon erfuhr, war er zunächst tief betroffen über den Weggang von Constanze. Er war immer tief betroffen, wenn ihn jemand verließ. Er redete noch weniger, schluckte und zupfte öfter als sonst an seiner Krawatte.

Für alle im Team erstaunlich war, dass die Stelle im Unternehmen nicht für eine Neubesetzung ausgeschrieben wurde. Clemens verfügte über drei Anfragen für die Buchhaltungsstelle, kurz nachdem Constanze ihre Pläne bekannt gegeben hatte. Er fand das nicht weiter erwähnenswert. Noch bevor Constanze in die Auftragssachbearbeitung gewechselt war, wusste Clemens, wer die Nachfolge antreten würde.

Daher ging die Veränderung ohne großes Aufheben von statten. Der neue Buchhalter war Ralph, keine dreißig Jahre alt. Blass und unscheinbar. Die Einarbeitung erledigten die beiden verbliebenen Freundinnen von Constanze. Clemens mischte sich nicht ein. Und Bobby legte sich beim Neuen mit seinen üblichen Unverschämtheiten enorm ins Zeug. Ralph blieb blass und unscheinbar.

Nach nur zwei Monaten nahm Constanze zu Clemens wieder Kontakt auf. Sie bat darum wieder zurückkommen zu dürfen. In all den Jahren bei Clemens hatte sie immer die Möglichkeit, ihre Arbeitsabläufe und die Arbeitsreihenfolgen so zu gestalten, wie sie es für richtig gehalten hatte. Dieses freie, selbstbestimmte Arbeiten, vermisste sie jeden Tag mehr. Jetzt war ihr klar geworden, dass sie sich selbst und ihre Arbeit in wunderbarer Weise selbst optimieren konnte.

Da es Clemens nur wichtig war, dass die Zahlen zum jeweiligen Abschluss vorlagen, hatte sie eine ausreichende Vorgabe. Ihr neuer Chef war da ganz anders, seine Vorgaben waren strikt, seine Einmischung unangenehm.

Sie hatte in ihrem neuen Umfeld auch davon gehört, dass das freie Arbeiten bei Clemens weit über seine Abteilung hinaus bekannt war und er den Ruf eines berechenbaren, ruhigen Chefs hatte.

Doch Clemens empfand die Anfrage von Constanze als unangenehm. In für ihn ungewöhnlich klarer Weise teilte er ihr am Telefon mit, dass er keine Möglichkeit sähe, dass sie zurückkommen könne. Ralph sei bereits gut eingearbeitet und alles liefe sehr gut.

Keiner seiner Mitarbeiter sah, als Clemens den Hörer auflegte. Keiner sah sein zufriedenes Lächeln.

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